Meldung Einordnung der Feinstaubwerte aus Neujahr 2024 – oder: Presseschau Silvesterfeinstaub

Dieses Thema im Forum "Termine, Neuigkeiten" wurde erstellt von schnix, 4. Januar 2024.

  1. Presseberichte überschlagen sich auch nach diesem Jahreswechsel mit neuen „Rekordwerten“ zu Feinstaub, welche nach genauerer Betrachtung gar keine Rekorde sind. Das habe ich mir mal zum Anlass genommen, einen Blick auf die Zahlen des Bundesumweltamtes zu werfen und die Presseberichte daraufhin einzuordnen.

    In vielen Fällen lassen sich verfälschte Zahlen auf eine Sache reduzieren: Feinstaub wird an den meisten Messstationen stündlich gemessen. Diese stündlichen Werte eines Tages gehen dann zu gleichen Teilen in einen Tagesdurchschnitt ein.
    Maßgeblich für Feinstaubgrenzwerte sind diese Tagesmittelwerte, welche (für PM₁₀) nur 35 Mal im Jahr den Wert von 50 µg/m³ überschreiten dürfen. Deshalb gibt auch das Umweltbundesamt (UBA) Daten zur Luftqualität immer als Mittelwert der vorherigen 24 Stundenwerte an.

    Völlig unter den Tisch fällt leider auch ein Hinweis auf die Art des Feinstaubs. Der BVPK dazu:

    Aber zurück zu Tagesmittel- gegenüber Stundenwerten...
    Für viele Zeitungsartikel gehen von den 359 Messstationen in Deutschland nur eine Handvoll extreme Werte von 1 Uhr morgens ein. Hier ein paar Beispiele:

    Deutschlandfunk: Feinstaubbelastung durch Silvester-Feuerwerk in Städten oft vielfach über dem Grenzwert
    MDR: Feinstaubwerte zu Silvester in Dresden deutschlandweit mit am höchsten
    RP-Online: Silvesternacht in NRW Diese Städte hatten die höchste Feinstaubbelastung
    RBB24 auf Twitter: Feinstaub-Rekorde gemessen am 1.01. um 1 Uhr
    DUH: Böller-Bilanz
    Merkur: Feinstaub nach Silvester sorgt für alarmierende Werte: Eine bayerische Stadt besonders betroffen
    Merkur hat sich hier regelrecht in den Zahlen verirrt. Sie geben noch an, dass der Grenzwert der Tagesdurchschnittswert ist – um im Anschluss die Stundenwerte dagegenzustellen und als Überschreitung des Grenzwerts zu interpretieren.

    RND: Spitzenwerte in Berlin gemessen - Feinstaub in der Silvesternacht: Wie groß war die Belastung in Ihrem Ort?
    RND war besonders eifrig, hier wurden die Werte von Punkt 1 Uhr minutiös in diversen Grafiken untergebracht. Daraus wird auch gleich eine Überschreitung des Tagesmittelgrenzwertes abgeleitet: „In vielen Gegenden wird diese Latte traditionell bereits am ersten Tag eines Jahres gerissen. In der Silvesternacht 2023/2024 wurde der höchste Wert in der Frankfurter Allee in Berlin mit 791 Mikrometern [sic!] gemessen. Selbst unter günstigen Witterungsbedingungen kann dieser Wert kaum so schnell sinken, dass im Tagesdurchschnitt am Ende ein Wert unter 50 Mikrogramm herauskommt.“

    Selbst zum Höhepunkt um 1 Uhr: Bei Betrachtung der vom UBA veröffentlichten Messwerte in ganz Deutschland liegen noch 158 von 359 Stationen bei Werten unterhalb von 50 µg/m³. Deutschlandweit 36 Stationen messen Werte von 250 µg/m³ oder mehr, davon 11 Stationen Werte von oberhalb von 450 µg/m³.
    Bereits zwei Stunden später um 3 Uhr messen 333 Stationen Werte unterhalb von 50 µg/m³ und eine Station mehr als 250 µg/m³
    Feinstaub PM10 Messwerte 0100 Uhr.png Feinstaub PM10 Messwerte 0300 Uhr.png

    Auch für die Tagesmittelwerte liegen Zahlen des Umweltbundesamtes vor: Zum Jahreswechsel 2023/2024 sind es 4 Stationen deutschlandweit, an denen der PM₁₀-Tagesmittelwert von 50 µg/m³ überschritten wurde – zweimal in Berlin und zweimal in Dresden. Darunter zugegebenermaßen auch die von RND genannte Station an der Frankfurter Allee. LINK zu den Überschreitungen

    Luftdaten_Überschreitungen_20240101_0100.PNG

    Diese Einordnung hinsichtlich des maßgeblichen Tagesmittel-Grenzwerts von 50 µg/m³ ist mittlerweile auch in einigen Presseberichten angekommen. Vor allem regionale Meldungen (z.B: „keine Überschreitung in Hessen“ oder „keine Überschreitung in Sachsen-Anhalt“) haben es hier in die Presse geschafft.

    NTV zu Sachsen-Anhalt: Silvesterfeuerwerk: Feinstaub-Grenzwerte nicht überschritten
    Zeit zu Sachsen-Anhalt: Silvesterfeuerwerk: Feinstaub-Grenzwerte nicht überschritten
    MZ zu Halle: Vor allem an Silvester steigen die Feinstaubwerte extrem an. Doch in Halle war das 2023 besonders der Fall. Die Stadt erreichte den höchsten Wert in Sachsen-Anhalt.
    Stadt München: Feinstaubbelastung an Silvester: Tagesgrenzwert eingehalten
    NN zu Nürnberg: Schön gefährlich: In der Silvesternacht explodierten die Feinstaubwerte in Nürnberg wieder
    Für Hessen hat vor allem eine Pressemitteilung (Presseportal: HLNUG Hessen) des Hessisches Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie Einzug in die Medien gehalten:
    Hessenschau: Weniger Feinstaub durch Feuerwerk in Hessen
    T-Online: Darum gab es eine geringere Feinstaub-Belastung
    Stern: Windiger Jahreswechsel bläst Feinstaub weg

    Eine gute Darstellung des Zusammenhangs zwischen den Messwerten und dem jeweiligen Wetter (insbesondere Wind) hat der mdr vorgenommen.
    MDR: Warum die Feinstaub-Belastung in der Neujahrsnacht im Osten besonders hoch war


    Eine etwas eigenwillige Interpretation kommt vom Radio Wuppertal. Messwerte von 13 bzw. 24 µg/m³ [Tagesmittel] sind laut Artikel „im unbedenklichen Bereich“ – der Artikel macht daraus in der Schlagzeile jedoch „Viel Feinstaub an Silvester“.

    Unterm Strich also viel Effekthascherei und Aufbauschen für eine Story. Tatsächlich zeigt sich aber eher, wie gering der Feinstaubeinfluss von Feuerwerk eigentlich ist, wenn es deutschlandweit bei 395 Stationen nur zu 4 gerissenen Grenzwerten am 1. Januar reicht.

    Links zu den Einzeldaten des UBA:
    Feinstaub durch Silvesterfeuerwerk
    Luftqualität
    Überschreitungen

    Der CSV-Abruf der Stundenwerte aus dem ersten UBA-Link: https://www.umweltbundesamt.de/api/air_data/v3/measures/csv?date_from=2023-12-31&time_from=1&date_to=2024-01-01&time_to=24&data[0][co]=1&data[0][sc]=2&data[0][ti]=12&lang=de

    Zu guter Letzt noch ein Evergreen aus 2017 des renommierten Max-Plank-Instituts: „Die Gefahren der hohen Feinstaubbelastung zum Jahreswechsel in Deutschland wurden von der Presse stark übertrieben. Unsere Unstatistik setzt sie ins richtige Verhältnis.“
     
  2. Diesen Beitrag konnte ich erst nicht so richtig glauben. Dass eine seriöse und hoch angesehene Organisation die Medien so direkt und vergleichsweise heftig kritisiert? Ungewohnt.

    Allgemein ist dieses Thema nur so groß, weil ein extrem wichtiger Fakt ständig "vergessen" bzw. bewusst ausgelassen wird - die Feinstaubbelastung bezieht sich zum größten Teil auf wenige Stunden im Jahr. Der Beitrag vom BVPK und das Interview vom NDR mit Ute Dauert sind aktuell so ziemlich die einzigen aktuellen Medienberichte, in denen diese Information überhaupt entscheidenden Anteil hat und nicht komplett weggelassen oder nur beiläufig erwähnt wird. Erstaunlich, wie man eine komplette Argumentation mit sowas hinbiegen kann.
     
  3. Ich habe Neujahr mal online die Messstationen in unserer Metopol-Region (Nürnberg, Fürth, Erlangen) abgerufen: zwei Stationen waren auf "rot", alle anderen Stationen waren "sehr gut", eine war "ausgezeichnet".
     
  4. Werden eigentlich auch an Ostern diese Werte erhoben? Vermutlich nicht. Aber ich glaube wenn man Feuerwerk, (auch) aufgrund des Feinstaubes verbieten möchte dann kann man direkt weitermachen bei allen Osterfeuern. Bei uns in der Gegend wabert ein, zwei Tage später noch der Geruch durch die Luft von den zuvor abgebrannten Feuern. Übrigens auch ein altes Brauchtum wie unser Hobby.
     
  5. #6 schnix, 7. Januar 2024
    Zuletzt bearbeitet: 7. Januar 2024
    Die Feinstaubwerte werden stündlich erhoben, die Werte stehen also für Ostern genauso zur Verfügung. Der CSV-Link im Eingangspost funktioniert (mit abgewandelten Datumsangaben im Link) genauso auch für das Osterwochenende.

    Hier die Messwerte von Ostern und Silvester im Tagesverlauf. Bitte die unterschiedliche Achsenskalierung beachten!
    Die Osterfeuer sind in den Nächten auf Ostersonntag (9.4) & Ostermontag (10.4) in den Daten deutlich als Buckel erkennbar, der bis in den folgenden Vormittag reicht. Die Werte liegen jedoch noch deutlich unter dem Grenzwert, nur 2 Stationen (Cottbus Bahnhofstr. sowie Elbmündung) haben am 9.4. Tagesmittelwerte von über 50 µg/m³.
    Silvester hat eine sehr andere Charakteristik, mit einer sehr kurzen, aber dafür kräftigeren Spitze.
    PM10-Feinstaub Ostern 2023.png PM10-Feinstaub Silvester 2023_2024.png
    EDIT: Der "Mittelwert" ist der Schnitt über alle Messstationen deutschlandweit.
     
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  6. Das dürfte m. E. auch daran liegen, dass die Osterfeuer als Brauch nicht in ganz Deutschland verbreitet sind und in den Städten wohl gar nicht zur Anwendung kommen. Wäre das der Fall, würde man die beiden "Buckel" noch deutlicher sehen.
     
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  7. Osterfeuer ist in berlin ja immer am 01.05.
     
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  8. Kamine hinterher verbieten Gemütlichkeit aus!:narr:
     
  9. Hallo zusammen,
    auch hier einmal der Hinweis: Wir haben auf unserer Homepage einen Blog-Post veröffentlicht, der noch einmal detailliert und mit Bezug zum vergangenen Jahreswechsel über die Feinstaubbelastung informiert: Dicke Luft am Neujahrsmorgen? – Analyse der Feinstaubdaten 2023/24 | BVPK - Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk
    Vielen Dank auch an @schnix der uns hierbei beratend unterstützt hat! - auf ihn sind wir durch diesen Thread aufmerksam geworden ;)

    Hier unser SM-Pot zum Thema Feinstaub:
     
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  10. Jaja, mit dem Merkur-Artikel kam ich auch nicht klar, der war irgendwie Merk-würdig.:confused:
    Aber wenn man hinschreibt bekommt man nicht einmal eine Antwort.
    Auch sehr Merk-würdig.:rolleyes:
     
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